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Warum wir Pflanzenschutzmittel schätzen sollten

Exzellenter Vortrag von Prof. Dr. Andreas von Tiedemann mit dem Thema "Hightech-Ängste und Idyllvorstellungen – warum wir den modernen Pflanzenschutz nicht schätzen, ihn aber schätzen sollten". Der Professor an der Universität Göttingen im Fachgebiet für Pflanzenpathologie und -schutz gibt neben einem umfassenden Einblick in die Thematik des Pflanzenschutzes, wissenschaftlich fundierte Informationen, weshalb Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden und wir das schätzen sollten. Man sollte sich die Zeit nehmen und das gesamte Video anschauen.

Der Vortrag fand am 07. Juni 2016 im Rahmen der öffentlichen Ringvorlesung "Landwirtschaft zwischen Idylle und Hightech" in der Aula am Wilhelmsplatz der Universität Göttingen statt.

Pflanzenschutzmittel in Deutschland - immer mehr?

Der Absatz von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen ist seit 1993 gestiegen, schwankt aber zwischen den einzelnen Jahren teilweise sehr deutlich. Im selben Zeitraum ist aber sowohl der Anteil der Ackerfläche als auch das Ertragsniveau gestiegen.

Bei der Betrachtung der Daten fällt auf, dass es zwei Gesamtsummen pro Jahr gibt. Einerseits handelt es sich um die Summe mit und andererseits ohne inerte Gase. Inerte Gase werden z.B. in Getreidelagern eingesetzt, um Insekten und Milben abzutöten.

In den Berichten des Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) werden inerte Gase meist separat ausgewiesen, da sie sich stark von anderen Mitteln unterscheiden. Auch international wird die Anwendung von inerten Gasen im Vorratsschutz oft nicht dem Pflanzenschutz auf der Fläche zugerechnet. Für Vergleiche wird meist auf die verkaufte Wirkstoffmenge pro ha landwirtschaftliche Fläche abgezielt.

Tabelle: Absatz von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in Tonnen von 1993 bis 2014

Quelle: Daten vom BVL

Beim Vergleich der Gesamtwirkstoffabsatzmengen von 1993 bis 2014 ist eine Steigerung zwischen 1993 und 2014 zu erkennen. Blickt man auf die Entwicklung über die Jahre, dann fällt auf, dass sich die Gesamtabsatzmengen seit 1995 auf einem relativ konstanten Niveau bewegen. Die Hauptabsatzmengen beziehen sich auf die Herbizide.

Ein Grund für den Anstieg der inerten Gase könnte sein, dass alternative Mittel weggefallen sind. Zudem entstehen bei der Anwendung von inerten Gasen keine Rückstände. Der Absatz der inerten Gase hat sich seit 1993 fast vervierfacht.

Aus der folgenden Abbildung lässt sich die flächenmäßige Entwicklung der land-wirtschaftlichen Nutzfläche (LN) und des Ackerlandes in Deutschland seit 1993 ablesen. Dabei fällt auf, dass die LN insgesamt leicht rückläufig ist, wohingegen die Ackerfläche seit 1993 sogar leicht zugenommen hat.

Abbildung 1: Landwirtschaftliche Nutzfläche und Ackerfläche in Deutschland von 1993 bis 2014

Quelle: Daten des Statistischen Bundesamtes

Der Vergleich der direkten Zahlen für die Jahre 1993 und 2014:

Landwirtschaftliche NutzflächeAckerfläche
199317.046 Mio. ha11.676 Mio. ha(ca.68,5% der LN)
201416.725 Mio. ha11.869 Mio. ha

(ca. 71,0% der LN)

Nehmen wir an, dass Pflanzenschutzmittel hauptsächlich auf den Ackerflächen eingesetzt werden, ergibt sich aus dieser Flächenentwicklung eine größere Fläche für die Anwendung einer gestiegenen Absatzmenge von PSM-Wirkstoffen.

Die nächste Abbildung stellt den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Bezug zur Ackerfläche dar. Wir gehen davon aus, dass 95% der gesamten Wirkstoffe auf dem Acker angewendet werden. In der Berechnung wird angenommen, dass 1993 und 1994 jeweils 15% der Ackerfläche stillgelegt waren (McSharry-Reform). Für 1995 bis 2007 wird angenommen, dass jeweils 2/3 der bundesweiten Stilllegungsverpflichtung durch tatsächliche Flächenstilllegung umgesetzt wurden und ein Drittel durch sogenannten RME-Raps.

Abbildung 2: Pflanzenschutzmitteleinsatz in kg Wirkstoff pro ha Ackerfläche unter der Annahme, dass 95% der Wirkstoffe im Ackerbau verwendet werden sowie die Entwicklung der Durchschnittserträge einiger Marktfrüchte auf Bundesebene:

Quelle: Daten des BVL und des Statistischen, eigene Darstellung BVSH

Die Abbildung zeigt zwar einen leicht steigenden Trend des Wirkstoffabsatzes pro ha Ackerfläche, der aber auf steigende Erträge trifft. Der Wirkstoffeinsatz pro erzeugter Mengeneinheit hat sich also über die letzte Jahre kaum verändert. Aus den Trendlinien für Winterraps, Winterweizen und Wintergerste geht eindeutig hervor, dass die Erträge steigen:

19932014Steigerung zu 1993
Winterweizen66,2 dt/ha86,6 dt/ha30,8%
Wintergerste51,3 dt/ha81,3 dt/ha58,5%
Winterraps28,3 dt/ha44,8 dt/ha58,3 %

Der Absatz von Pflanzenschutzwirkstoffen pro ha Ackerfläche ist von 1993 auf 2014 um etwa 32,7% gestiegen. Im Verhältnis zur Steigerung der Erträge ist der Wirkstoffeinsatz aber leicht rückläufig.

Aus den blauen Balken geht hervor, dass sich die Wirkstoffmenge pro ha am tatsächlichen pflanzenbaulichen Bedarf im Zusammenhang mit der Länge der Vegetationsperiode und dem Aufkommen an Schaderregern/Pilzen orientiert. Deshalb schwanken auch die Mengen zwischen den Jahren.

Grundsätzlich muss die Toxizität der eingesetzten Pflanzenschutzmittel bewertet werden und nicht nur die abgesetzte Menge an Wirkstoffen, um eine Aussage zur tatsächlichen Gefährdung der Umwelt zu treffen.

Bauernverband Schleswig-Holstein